Ooops, I did it again…

Der Marathon-Tag beginnt in aller Herrgottsfrühe. Da alle Teilnehmer raus nach Staten Island gebracht werden müssen und die Verrazano-Narrows-Bridge, auf der der Startschuss fällt und über die wir dann nach Brooklyn laufen, bereits um 7 Uhr gesperrt wird, fahren die Busse bereits um 6 Uhr an den Hotels ab. Also Aufstehen 4:30 Uhr, positiv ist lediglich, dass die Sommerzeit hier erst in dieser Nacht endet, also gibt es doch noch eine kleinere Mütze Schlaf mehr.

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Alles klappt reibungslos, die Sicherheitskontrollen erfolgen problemlos – auch wenn der Police-Officer mich schon ein bisschen komisch anschaut, warum ich zwei GoPro’s, einen Fotoapparat und ein IPhone mit dabei habe – und um Viertel nach 7 bin ich im „Startdorf“. Hier wird man mit heißen Getränken, Bagels und Energy-Riegeln versorgt und eigentlich heißt es nur „Zeittotsschlagen“, bis man in seinen Startblock für seine Startwelle gelassen wird. Mein Start soll um 10:30 Uhr sein also gibt es viel Zeit für mich zum Totschlagen. Gegen viertel vor 9 wird es mir dann aber doch zu langweilig und ich gehe rüber in ein zweites „Startdorf“, um dort nach meinen Bekannten aus dem diesjährigen „Tiger Balm Team“ Ausschau zu halten. Schnell habe ich sie gefunden und gemeinsam vergeht die Zeit bis zum Einlass wesentlich schneller.

Doch hier dann der erste „Schock“: Erst 20 Minuten nachdem ich eigentlich in den Startblock gelassen werden soll, öffnet man die Tore um sie 5 Minuten später (in etwa 4-5 Läufer vor mir) wieder zu schließen. Die Begründung ist, wir wären alle zu spät gewesen und die dritte Welle müsse nun gestartet werden. Keine 5 Minuten später donnern dann die Kanonen auch zum dritten Mal. Grundsätzlich ist das alles durch die Nettozeitnahme auch kein Problem, aber ich sehe die ungefähr verabredeten Zeiten an den besprochenen Treffpunkten mit meiner Frau Kerstin in Gefahr und da ich ihr keine Nachricht zukommen lassen kann, befürchte ich, dass wir uns unterwegs gar nicht treffen werden.

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Das Startprozedere ist wieder mit hohem Gänsehautfaktor verbunden: zuerst ertönt „God bless America“ und nachdem die Startkanone nun zum vierten Mal gedonnert hat, geleiten uns die Klänge von „New York, New York“ über die Startlinie auf die Verrazano-Narrows-Bridge. Die Wettervorhersage hatte übrigens recht: es ist mit ca. 6 Grad recht kalt und sehr windig, was gerade auf den ersten 2,5 Kilometern über die Brücke stark zu schaffen macht: in der einen Hand eine GoPro mit Handstativ (die andere trage ich mittels Brustgurt direkt am Körper), mit der anderen Hand die Nummer am Startnummernband festhalten, denn ohne Nummer keine Zeit (dort ist der Zeitmesschip drin) und ggfs. sogar Disqualifikation.

Kurze Erklärung zu den beiden GoPro’s: sie sind Teil eines kleinen aber tollen Projekts, dass ich zusammen mit easycredit durchführe und das demnächst noch ein bisschen ausführlicher beschrieben und erklärt wird. Hierzu läuft die Kamera am Brustgurt durch, die am Handstativ schalte ich sequenziell mit dazu.

Als es dann am Ende der Brücke dann nach Brooklyn geht, ist der Wind auch nicht mehr so schlimm, lediglich ab und an erwischt uns eine starke Böe, wenn man an einer Querstraße vorbeiläuft. Die Stimmung ist wieder atemberaubend: ausgelassene Party überall und meinem Eindruck nach sind die Polizisten in diesem Jahr nicht ganz so zahlreich präsent wie im letzten Jahr unmittelbar nach den Anschlägen von Boston, auf jeden Fall sind sie um einiges entspannter und beklatschen ebenso wie Feuerwehrleute die Läufer und sind stellenweise sogar für „High 5“ zu gewinnen.

Insgesamt ist mein Eindruck, dass in diesem Jahr nicht ganz soviele Menschen an der Strecke sind, wie im letzten. Das kann aber auch daran liegen, dass ich nun in der letzten Starwelle gestartet bin. Das bedeutet: eineinviertel Stunden nach dem ersten Start der Profis und Elite, was sich bis in’s Ziel auf gut fünfeinhalb Stunden nach dem ersten Startschuss ausweiten wird. Für uns Läufer sind die Bedingungen eigentlich nahezu ideal: knapp unter 10 Grad, trocken und den Wind habe ich mir im Grunde genommen wesentlich schlimmer erwartet. Für die Zuschauer ist das natürlich eine andere Nummer, wenn man stundenlang an der Strecke steht. Aber eines steht fest: mit der Wahl meines Outfits liege ich nicht ganz verkehrt. Ich bekomme zwar nicht die gleiche Aufmerksamkeit, wie die Läufer mit Ihrem Namen auf dem Shirt oder einer witzigen Aufschrift, aber mit so vielen Rufen wie „Germany“, „Deutschläänd!“ oder tatsächlich Landsleuten habe ich ehrlich nicht gerechnet.

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Mein Tempo ist gemäßigt, schließlich ist New York eher ein Sight-Seeing- denn ein Tempokurs und ich komme gut voran. Der Vorteil des späteren Startblocks ist, dass ich wesentlich mehr Läufer überhole, als diese mich – ein doch eher motivierendes Gefühl… Über die dritte und vierte Avenue geht es durch Brooklyn und die Stimmung ist wirklich klasse. Bei Kilometer 10 erwischt es mich dann doch (mal wieder): ich muss eines der mobilen Toilettenhäuschen (die hier übrigens von der Fa. „Royal Flush 😉 betrieben werden) aufsuchen. Aber keine Angst: die Kamera habe ich dann doch abgeschaltet. Anschließend treffe ich auf der Strecke so nach und nach und immer wieder Leute, die schon einmal überholt hatte…

Ein absolutes Highlight ist die Halbmarathonmarke auf der Pulaski-Bridge im Übergang von Brooklyn nach Queens: hier hat einen tolle Blick auf Downton Manhattan. Im letzten Jahr habe ich am Fuße der Brücke noch Bibo (Big Bird) aus der Sesamstrasse getroffen – vielleicht hätte er dieses Jahr Angst, dass der Wind ihn komplett wegwehen würde.

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Die Stimmung in Queens steht der in Brooklyn um nichts nach. Überall stehen die Leute in teilweise Zweier- und Dreierreihen an der Straße und Feuern uns Läufer an. Es ist wirklich vollkommen egal, ob jung oder alt, welche Hautfarbe oder sonst irgendwas: an der Strecke macht jeder mit und versucht, die Teilnehmer zu motivieren.

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Und die nächsten beiden Highlights stehen nun auch schon unmittelbar bevor. Als erstes die Brooklyn-Bridge. Hier steht kein Zuschauer und die Brücke ist eigentlich auch ziemlich gemein, weil eine stetige und langgezogene Steigung hat. Wenn man jedoch am Scheitelpunkt der Brücke angekommen ist, hat man wiederum einen fantastischen Blick auf die Skyline Manhattans.

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Das zweite Highlight folgt sofort anschließend: zum Ende der Brücke macht die Strecke eine 270 Grad Kehre und mündet dann direkt unter der Brücke hindurch auf die First Avenue in Manhattan. Hier kocht die Stimmung über. Die Menschen stehen in 6er- und noch mehr Reihen und peitschen den Läufern ein, was das Zeug hält. Auch ich treffe hier meine Frau Kerstin das erste Mal an der Strecke. Die Frist Avenue bietet sich hier aber auch an, weil die Angehörigen hier mit einem kurzen Fußmarsch in den Central Park in Richtung Ziel gelangen können.

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Wir Marathonläufer brauchen hierfür noch ungefähr 12 Kilometer, die noch einen kurzen Abstecher in die Bronx beinhalten und dann über die Fifth Avenue in Richtung Central Park führen. Das für mich in diesem Jahr interessante war, dass gerade dieses letzte Teilstück für mich das absolute Highlight war. Ab Kilometer 35 habe ich das Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht gekriegt – und auch wenn meine Beine (natürlich) wehgetan haben und meinten, dass es doch jetzt eigentlich auch gut mit dem Laufen sein – es lief einfach und ich habe jeden Meter genossen. Das verrückte daran ist: es geht ca. 4 Kilometer auf der Fifth Avenue stetig bergauf und je näher man in Richtung Eingang zum Central Park kommt, desto größer ist die Steigung. Das ist natürlich nicht hochalpines, aber als Läufer bemerkt man jeden Höhenmeter.

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Mein letztes Runnershigh in einem Rennen hatte ich im Mai 2005, als ich merkte, dass ich meine Wunschzielzeit in unter 3 Stunden 30 Minuten knacken würde. Jetzt also wieder und das, obwohl eine Bestzeit ja von vornherein kein Thema war (und wohl auch nicht mehr werden wird). Und das auch noch (oder gerade???) in New York mit einem mega Hochgefühl bog ich also in den Central Park ein und wenn alles klappen würde, dann würde ich Kerstin gleich so ca. bei Kilometer 41 sehen.

 

Dann kam aber kam noch die große Stunde der Technik: auch wenn ich für beide GoPro’s jeweils ein Backpack (einen Zusatzakku) hatte, so kontrollierte ich doch so ab Kilometer 35 immer mal wieder, ob die Kamera noch läuft. Kurz vor dem Treffpunkt mit Kerstin dann der nächste „Schock“: die rote Aufnahmelampe leuchtet nicht mehr, die Kamera nimmt also nicht mehr auf. Mist, was nun? Kein Zieleinlauf vom Brustgurt? Keine Option!!! Kurz überlegt und dann die Backpacks der Kamera auf dem Handstativ und der aus dem Brustgurt ausgetauscht. Dadurch, dass das Handstativ ja nicht solange gelaufen war, sollte das Backpack ja eigentlich noch für den letzten Kilometer ausreichen.

Keine 300 Meter weiter stand dann auch tatsächlich meine Frau wieder an der Strecke und begleitet mit ihren guten Wünschen habe ich mich dann auch den letzten Kilometer in Angriff genommen.

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Eine Gänsehaut jagt die nächste und die letzten 400 Meter bin ich dann quasi nur noch winkend und festgetackertem Grinsen in Richtung Ziel gelaufen. Dort blieb die Zeit dann für mich bei 4:27:40 stehen. Knapp 3 Minuten schneller als im letzten Jahr und wenn die beiden Boxenstopps (Royal Flush und GoPro) nicht gewesen wären, wäre die Zeit wohl bei 4:20 stehen geblieben.

Aber das ist wie gesagt in New York vollkommen zweitrangig. Hier zählen die Teilnahme und der Spaß. Spaß hatte ich unterwegs reichlich und dass ich überhaupt teilnehmen durfte, dafür möchte ich mich an dieser Stelle nochmal ganz herzlich bei easycredit und allen, die für mich gevoted haben, bedanken. Auch bei Vivien, die mit ihrem Wunsch leider knapp hinter mir gelandet ist, möchte ich mich bedanken. Ich hoffe, die geplante „Aktion GoPro“ (mehr möchte ich noch nicht verraten) wird ein voller Erfolg – ich werde zumindest alles dafür tun.

Nach dem Zieleinlauf gab dann die obligatorischen Medaillen,

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Finisherbilder (liegen noch nicht vor) und einen sehr warmen Poncho, damit man auch einigermaßen warm wieder in’s Hotel zurück kommt.

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Nach der verdienten (hoffe ich zumindest) Dusche und einem leckeren und ausgiebigen Abendessen gab es dann noch ein weiteres Highlight: ein Spiel der NBA zwischen den New York Knicks und den Charlotte Hornets im Madison Square Garden. Eine wirklich beeindruckende Arena und ein (für meinen Geschmack) zu spannendes Spiel: nachdem die Knicks Mitte des zweiten Viertels schon mit 15 Punkten führten, häufte sich deren Fehlerquote immens und die Hornets kamen immer näher heran und gingen zum Ende des dritten Viertels sogar einige Male in Führung. Letztlich behielten die Knicks mit einigem Glück aber doch noch mit 96:93 die Oberhand.

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imageimageErkenntnis des Tages: bestellt man beim Basketballspiel zwei Coke und eine Tüte Popcorn, so ist dieses salzig. Das hat mich schon ziemlich stark beschäftigt. Zumal mich niemand danach gefragt hat, ob ich es süß oder salzig haben möchte – aufgrund der Figuren vieler Amerikaner bin ich wohl ohnehin davon ausgegangen, dass das Popcorn hier süß sein MUSS…

Stay tuned…

 

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