6 Stunden laufen – geht das?

Was habe ich getan? Oder vielmehr: Warum habe ich es getan? – Diese und ähnliche Fragen gehen mir an diesem Samstag Vormittag durch den Kopf, während ich mich auf den knapp zweistündigen Weg nach Münster mache. Ich habe mich für den dortigen 6-Stunden-Lauf angemeldet. Als Vorbereitung für den HAJ Hannover Marathon, nachdem die bisher Krankheit- und verletzungsbedingt eher sehr mau verlief. Ja, tatsächlich: 6 (in Worten: SECHS) Stunden – das bin ich noch nie gelaufen. Das Maximum waren bisher viereinhalb Stunden und das war beim New York City Marathon 2013. Und nun noch anderthalb Stunden länger (und ohne eine gute Million Zuschauer, denn wir laufen nicht durch eine Metropole, sondern einen Rundkurs auf einem Kasernengelände)? Und das will ich machen? Ich, der immer gesagt hat hat: „länger als einen Marathon laufe ich nicht“. Was habe ich getan?

Nun aber gibt es kein Zurück mehr: ich bin nämlich schon am Kasernengelände angekommen und treffe direkt auf dem Parkplatz Eddy und Daniel, zwei Urgesteine aus dem Tiger Balm Team. Und direkt beim Abholen der Startunterlagen kommen auch Sandra, Dirk und Dennis dazu – Tigertreffen mal ganz anders  😉 . Während wir unsere Startunterlagen sortieren, gibt es seitens der sehr guten Orga ein Frühstücksangebot, wobei die meisten sich eher an Kaffee halte. Ist ja auch logisch: wenn man vorhat, 6 Stunden zu Laufen, läuft man wahrscheinlich am ehesten Gefahr, einzuschlafen…

Es dauert gar nicht lange und André, Dietmar, Marcel und Matthias komplettieren das Rudel, auch wenn es das so zur Zeit leider gar nicht mehr wirklich gibt. Aber immerhin ist das Tiger Balm Team „Schuld“ daran, dass wir uns untereinander kennen und sehr nette Laufbekanntschaften entstanden sind. Nach kurzer Ausweiskontrolle geht es dann auf das Militärgelände, auf dem wir in Kürze unsere Runden (à 2.505 Meter) drehen sollen. Es ist mit 4-5 Grad relativ kühl, aber trocken – wobei auch das sich nach den Prognosen im Laufe der nächsten 6 Stunden durchaus noch ändern soll. Vorteil an einem Rundkurs ist, dass man getrost im Start-/ Zielbereich eine Tasche mit witterungsbedingten Wechselklamotten deponieren kann. Zumal das Starterfeld mit knapp 300 verrückten nun auch nicht allzu groß ist. So geht’s dann an die Startlinie:

StartDann geht es aber auch schon los: 10:05 Uhr – der Startschuss fällt. 6 Stunden, diese Zeit geht mir einfach nicht aus dem Kopf. Mein längster Lauf in diesem Jahr bisher waren 24 Kilometer – und das war schon ’ne ziemlich Plackerei. Aber hilft ja jetzt nichts mehr, ich habe es so gewollt, also muß ich da nun auch durch. Ich laufe zusammen mit Daniel und Matthias in einem wirklich gemächlichen Tempo los. Wir können uns locker beim Laufen unterhalten und die erste Runde ist schneller vorüber, als gedacht.

Im Rundendurchlauf hat das super Orga-Team eine tolle Verpflegungsstation aufgebaut. Hier gibt es alles, was das (Läufer-)Herz begehrt: Wasser, Cola, warmen Tee, Äpfel, Bananen, Orangen, Tu, Salzstangen, Color-Rado, Schokolade, Erdnüsse, und, und, und… Besonderer Service: jeder hat einen eigenen Becher mit seiner Startnummer versehen, der ständig bereitsteht. Wirklich ganz großes Kino, auch wenn ich nach der ersten Runde das üppige Angebot noch links (und rechts) liege lasse.

Nach Runde 3 löst sich die Troika zwischen Daniel, Matthias und mir auf, da ich einen „Boxenstop“ einlegen muß. Weiteres Highlight und auf einer Laufveranstaltung quasi ein Novum: es gibt echte Toiletten und keine Dixies – eine Wohltat! Zum Ende der fünften Runde hole ich Matthias wieder ein, allerdings hat er Daniel beim Rundendurchlauf „verloren“. Also drehen wir beide unsere Runden gemeinsam und quatschen – Erinnerungen an den Hamburg-Marathon 2014, den wir komplett zusammen gelaufen sind, werden wach. In Runde 7 treffen wir dann Eddy und laufen auch mit ihm gute anderthalb Runden zusammen. Man kann es nicht anders sagen: es läuft…

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Die Meter verrinnen, die Zeit läuft runter und es macht richtig Spaß. Klar: wir haben jetzt gut zweieinhalb Stunden in den Beinen – die machen sich schon ein bisschen bemerkbar, aber dadurch, dass man nach jeder 2,5 Km-Runde immer mal wieder kurz anhalten, etwas trinken und essen kann, ist das ganze wirklich sehr gut machbar. Nach 11 Runden meint Matthias, er wolle ein bisschen Tempo rausnehmen und schickt mich alleine auf die weitere Reise.

Im Vorfeld der Veranstaltung hatte ich mir mal ein paar Gedanken gemacht, was man innerhalb von 6 Stunden wohl an Distanz schaffen könnte. Da man aufgrund der doch um einiges längeren Zeit langsamer läuft, als bei einem „normalen“ Marathon, sollte also diese Distanz zunächst einmal das primäre Ziel sein. Und da ich ohnehin noch nie eine längere Strecke gelaufen bin, ist alles, was darüber hinaus geht, i-Tüpfelchen. Insgeheim hatte ich mit einer „5“ vorne geliebäugelt, kann aber zum jetzigen Zeitpunkt absolut nicht einschätzen, ob dies noch möglich ist, da mittlerweile dreieinviertel Stunden vorüber sind. Außerdem weiß ich nicht, wie ich jetzt mit den dann doch langsam sich immer mehr bemerkbar machenden Beinen und der Situation, nun „alleine“ zu laufen, klar komme. Wobei: so wirklich alleine kann man hier ja gar nicht sein. Bei rund 300 Läufern auf einem 2,5 Km-Rundkurs trifft man ständig andere Läufer. Entweder wird man überholt oder man überholt selber.

Ich überlege auch kurz, nun so langsam meine Kopfhörer auszupacken und mich mit ein bisschen Musik oder einem Hörbuch abzulenken, wie ich es sonst auf meinen Trainingsrunden machen, aber ich entscheide mich (zunächst) dagegen. Ich beschäftige mich mit meinem Tempo, denn mein größtes Problem ist, dass ich meist zu schnell laufe, wenn ich für mich allein laufe. Wenn ich jemanden habe, an dessen Tempo ich mich orientieren kann, fällt es mir leichter, mein Tempo ein bisschen zu drosseln. Und das ist ja eigentlich das „Geheimnis“ bei solch einer Mammutaufgabe wie heute.

So drehe ich Runde um Runde, wechsele den Bodenbelag von Asphalt auf Rindenmulch, dann Rasen (nein, mittlerweile Matsch, da es ab der 4. Stunde angefangen hat, leicht zu nieseln) um wieder auf Asphalt, unterbrochen von einem Schotter- und einem weiteren Rasenstück, zu wechseln. Mein Kopf arbeitet mich von Runde zu Runde, die Beine schmerzen, aber der Marathon ist mittlerweile geschafft. Alles ab jetzt ist Bonus und lässt sich komischerweise wieder leichter laufen. Das schlimmste ist es, nach einer Verpflegungspause nach dem Rundendurchlauf wieder loszulaufen. Da jaulen die Muskeln schon ziemlich stark auf.

Dann ist es soweit: Runde 20 (und damit die 50 Kilometer) ist geschafft, die Uhr zeigt noch 16 Minuten. Ich bin glücklich! Die jetzt anbrechende letzte Runde werde ich nicht mehr vollenden können, deswegen nehme ich den mit meiner Nummer versehen „Ballonbeutel“ mit, der nach dem Zeitablauf dann die Restmeter markieren soll. Ich gönne mir eine etwas längere Gehpause, um dann irgendwann doch wieder (diesmal mit einem Grinsen auf den Lippen) loszulaufen. Ich ertappe mich dabei, dass ich nun ständig auf meine Uhr schaue – was ich vorher nicht einmal gemacht hatte. Das Ende darf kommen.

Als es dann endlich soweit ist, lasse ich meinen Ballon auf den Boden fallen und beglückwünsche mich zusammen mit den anderen Läufern, die dasselbe tun und gemeinsam schlendern wir nun gemächlich Richtung Ziel. Kaputt, aber glücklich und durchaus auch stolz geht’s ab unter die Dusche. Übrigens: die Kopfhörer habe ich die ganze Zeit nicht benutzt um mich abzulenken. Es war einfach zuviel los auf der Strecke, sodass nicht die geringste Ablenkung notwendig war, um die Aufgabe zu bewältigen. Was ich allerdings leider verpasst habe, war mir unterwegs mal einen Hot-Dog am mobilen Stand der Cabanauten, die damit die gesamte Zeit gelaufen sind, zu gönnen.

IMG_2410Nach der Dusche geht dann das Tigertreffen in die nächste Runde und alle Helden werden mit 1-A-Gulaschsuppe versorgt, um schnell wieder zu Kräften zu kommen.

Wer bewegte Bilder mag und sich für das Drumherum eines solchen Events interessiert, für den habe ich zwei tolle Tipps: Eddy war mal wieder mit seiner GoPro unterwegs und auch Frank hat das ganze (sogar ein bisschen ausführlicher) dokumentiert. Beide Videos sind klasse und fangen Stimmung und Begeisterung klasse ein.
Die Links dazu: Eddy’s Video und Frank’s Video

Es war eine tolle Veranstaltung mit einer TOP-Orga – vielen Dank an Christian und sein Team. Es war meine erste Ultra-Veranstaltung und ich muß sagen, das hat schon Appetit auf mehr gemacht… Als nächstes stehen allerdings die Vorbereitungen auf den HAJ Hannover Marathon und den HASPA Hamburg Marathon an – zwischendurch ein bisschen Skiurlaub

Stay tuned…

 

 

2 Kommentare bisher. Was sagst du dazu?

  1. Eddy sagt:

    ….sauber! Herzlichen Glückwunsch zu den 50+ Kilometern: eine echt starke Leistung!

    Wenn Du mal einen Läufer brauchst, um Dein Tempo zu drosseln, wende Dich vertrauensvoll an mich. Aber schlag Dir dann aus dem Kopf, bei einem 6-Stunden-Lauf 50 Kilometer zu packen… *kchrchr*

    Die Kopfhörer hatte ich auch „zur Not“ in der Tasche – und dort gelassen, weil die Stimmung unterwegs zu cool war, als dass ich die durch Musik hätte verpassen wollen.

    18. März 2015
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